Kindheit und JugendIlse Arlt

Ilse Arlt wurde am 1. Mai 1876 in Wien als zweitjüngstes von vier Kindern geboren. Ihr Vater war Augenarzt, ihre Mutter, eine ausgebildete Malerin, unterrichtet Ilse Arlt im Kindesalter privat. Ihre Schulprüfungen schließt sie mit Auszeichnung ab. Im Alter von 16 Jahren übersiedelt die Familie nach Graz, wo sich Arlt autodidaktisch auf die Staatsprüfung in Latein und Englisch vorbereitet und mit 20 Jahren die Lehramtsprüfung für englische Sprache ablegt. Danach besucht sie als außerordentliche Hörerin Vorlesungen bei führenden Sozialpolitikern Österreich-Ungarns, darunter den Professoren Eugen Philippovich von Philippsberg, Nationalökonom in Wien, und Prof. Mischler, Statistiker und Sozialwissenschaftler in Graz. Ilse Arlt arbeitet zu dieser Zeit auch als wissenschaftliche Hilfskraft am Steiermärkischen Statistischen Landesamt und engagiert sich im neu gegründeten „Sozialen Bildungsverein“ (Wien), wo sie das Referat für „Gewerbliche Nachtarbeit erhält. Zu dieser Zeit verfasst sie u.a. einen viel beachteten Beitrag über einen in München besuchten Kongress zu Wohnungsfragen.

Erste Gendanken zu einer eigenständigen Fürsorgewissenschaft

Im Alter von 25 Jahren wird Ilse Arlt als erste Gewerbeinspektorin vorgeschlagen, kann diese Stellung aber aus gesundheitlichen Gründen nicht annehmen. Bis 1905 setzt sie ihre Studien in Wien fort und sammelt praktische Erfahrungen, indem sie Arbeiterversammlungen, Betriebe, Wohnungen und Elendsquartiere besucht. Zusätzlich schreibt sie zahlreiche Fachartikel und hält Vorträge. Unter anderem setzt sie sich besonders für die Schaffung des Berufes der Wohlfahrtspflegerin ein.
Im Zuge ihrer Studien kommt sie zur Erkenntnis, dass es, im Unterschied zu den gewaltigen technischen Fortschritten ihrer Zeit, im sozioökonomischen Bereich, in dem es um das Glück der Menschen gehe, nach wie vor an grundlegendem Wissen fehle und lediglich primitive Daten zur Verfügung stünden. Diese Kritik und die Erkenntnis, dass die von ihr gesuchte Wissenschaft von der Beseitigung der Not noch nicht existiere, waren zentrale Anlasspunkte für Ilse Arlt an der Begründung einer eigenständigen Fürsorgewissenschaft, die eng mit nationalökonomischen (aber auch mit medizinischen und pädagogischen) Fragen verbunden ist, zu arbeiten.
1910 hält sie auf dem Internationalen Kongress für „Öffentliche Arbeits- und private Wohlfahrtspflege“ in Kopenhagen einen Vortrag, in dem sie erstmals ihre Vorstellungen betreffend den Beruf der Wohlfahrtspflegerin formulierte.


Gründung der "Vereinigten Fachkurse für Volkspflege"

1912 gründet Ilse Arlt in Wien die erste Fürsorgeschule, die den Namen „Vereinigte Fachkurse für Volkspflege“ trägt. 1938 wird ihr aufgrund ihrer mütterlicherseits jüdischen Abstammung jegliche Lehrtätigkeit untersagt, ebenso das Publizieren. Die Ausbildungsstätte wird geschlossen, die Bücher eingestampft und ihre bereits im Entstehen begriffene Materialsammlung für ein geplantes Fürsorge- und Haushaltsmuseum in alle Winde zerstreut. Finanziell gerät sie in eine Notsituation, muss aber Österreich nicht verlassen. Die Schule wird 1946 mit Hilfe ehemaliger Schülerinnen nochmals eröffnet, muss jedoch aufgrund finanzieller Schwierigkeiten vier Jahre später endgültig ihre Pforten schließen.

Am 15. Jänner 1955 erhält Ilse Arlt als einzige Auszeichnung für ihre Tätigkeit den Dr. Karl Renner-Preis. Ihr letztes Buch „Wege zu einer Fürsorgewissenschaft“ erscheint 1958.

Am 25. Jänner 1960 stirbt Ilse Arlt im Alter von fast 84 Jahren.

Liste ausgewählter Publikationen¹ Ilse Arlts:

  • Arlt, Ilse (1902): Die gewerbliche Nachtarbeit der Frauen in Österreich. Bericht erstattet der internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeiterschutz. In: Schriften der Gesellschaft für Arbeiterschutz. 1. Heft. Wien, 3–37
  • Arlt, Ilse (1906): Fürsorge für alleinstehende Frauen in Österreich, Wien.
  • Arlt, Ilse (1910): Thesen zur sozialen Hilfstätigkeiten der Frauen in Österreich. In: Glaser, Arthur: Die Frau in der österreichischen Wohlfahrtspflege. Kopenhagen, 61–67.
  • Arlt, Ilse (1911): Die fachliche Ausbildung sozialer Hilferinnen. In: Dokumente des Fortschritts. Internationale Revue. Berlin 7 (4), 471–474
  • Arlt, Ilse (1921): Die Grundlagen der Fürsorge. Österreichischer Schulbücherverlag, Wien.
  • Arlt, Ilse (1923): Die Gestaltung der Hilfe. In: Lebenspflege in Vergangenheit und Gegenwart. Bd.IV. Wien, 71–141
  • Arlt, Ilse (1923b): Die Berücksichtigung der Volkspflege bei der Schulreform. In: Volkserziehung. Nachrichten des Österreichischen Unterrichtsamtes. Pädagogischer Teil, Wien, 189–195
  • Arlt, Ilse (1930): Armutskunde. In: Fortschritte der Gesundheitsfürsorge. Monatsschrift der deutschen Gesundheitsfürsorgeschule, Berlin, 3 (7), 65–73
  • Arlt, Ilse (1932): Exakte Armutsforschung als Hilfsmittel in der Fürsorgekrise. In: Keller, Franz (Hg.): Jahrbuch der Caritaswissenschaft 1932, Freiburg i. Br., 65–75
  • Arlt, Ilse (1934): On the Way to the Scientific Analysis of Poverty. In: Charity Organisation Quarterly. A Journal of Case-Work and Social Effort. Hrsg. Robert Webb. Vol. VIII. London. Nr 1. 2–21
  • Arlt, Ilse (1937): 25 Jahr Volkspflege. Vortrag, gehalten am 25. September 1937 anlässlich des 25jährigen Bestandes der Vereinigten Fachkurse für Volkspflege, Wien, Linz
  • Arlt, Ilse (1950): Nekrolog der ersten österreichischen Fürsorgeschule. In: Österreichisches Wohlfahrtswesen. Monatsblätter für soziale Fürsorge. Hrsg. Bundesministerium für Soziale Verwaltung, Wien, 8 (1950). 8– 10
  • Arlt, Ilse (1958): Wege zu einer Fürsorgewissenschaft. Verlag Notring der wissenschaftlichen Verbände Österreichs, Wien

 


¹ Vgl. Ertl, Ursula (1995): Ilse Arlt – Studien zur Biographie der wenig bekannten Wissenschaftlerin und Begründerin der Fürsorgeausbildung in Österreich. Diplomarbeit vorgelegt an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt, Fachbereich Sozialwesen.

 

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