Das zweite Hauptwerk Ilse Arlts "Wege zu einer Fürsorgewissenschaft" liest sich als Zusammenfassung ihres gesamten Lebenswerks. Darin nimmt Arlt noch einmal Bezug auf die Dreh- und Angelpunkte ihrer Theorie einer wohlfahrtsorientierten Fürsorge. Diese ankert in der Armuts- und Gedeihensforschung, welche zum einen die aktuell und habituell vom Individuum realisierten Formen und Grade der mangelhaften und/oder hinreichenden Befriedigung allgemein-menschlicher Gedeihenserfordernisse (Bedürfnisse) präzise erfasst und misst und zum anderen die mannigfaltigen Weisen gedeihlicher Lebens- und Haushaltsführung systematisch erkundet und auswertet. Die Messbarkeit der Not als Abstand vom richtigen Gedeihen sowie die Messbarkeit der Hilfserfordernisse und -mittel bilden für Arlt die Grundlage und den kritischen Maßstab für eine individual- und kontextgerechte Planung und Durchführung sowie die Evaluation von Hilfsmaßnahmen. Hilfe kann nach Arlt nur dann zur Selbsthilfe werden, wenn durch sie die Fähigkeit des Individuums zum schöpferischen Konsumhandeln und zur sorgsamen Lebenspflege entwickelt/bestärkt wird. Auf diesem Wege würde nicht bloß Leid gelindert, sondern individuelles Gedeihen und Lebensfreude und auch nationale Wohlfahrt nachhaltig befördert werden. Die Neuedition dieses Werks umfasst neben einem ausführlichen Nachwort auch eine der beiden bislang unveröffentlichten Autobiographien Ilse Arlts.

"Die Wissenschaft, der sich Ilse Arlt widmen wollte, war die der Beseitigung der menschlichen Not. (...) Als man sie fragte, wieso gerade sie, die extreme Individualistin, sich so brennend für die Probleme der Gemeinschaft interessiere, sagte sie, das sei doch völlig klar: "Mein Ziel" ist der Individualismus für alle! ..."

E.M., Die Presse 1. Mai 1956